Ein Film von Claude Lanzmann
Ein Film von Claude Lanzmann
SHOAH
SHOAH
Bester Dokumentarfilm
besondere Erwähnung
bester Dokumentarfilm
Flaherty Dokumentarfilmpreis
Grimme-Preis in Gold 1987
»SHOAH hatte nicht zum Ziel, über Dinge zu informieren, die sich ebenso in Geschichtsbüchern nachschlagen lassen … im Zentrum stehen die realen Orte von Heute und die Gesichter, die Körper der Zeugen. Es gibt keinen Kommentar, keine Off-Stimme. Es ist wirklich die Rehabilitierung der Zeugenschaft.« (Claude Lanzmann)
Uraufführung: 21. April 1985 (Paris, Théâtre de l‘Empire)
Deutsche Erstaufführungen: 17.–18. Februar 1986 (36. Internationale
Filmfestspiele, Berlin – 16. Internationales Forum des Jungen Films, (Delphi Filmpalast)
TV: März/April 1986 als Vierteiler in den Dritten Programmen der ARD-Anstalten
unter Federführung des WDR. Wiederholung in WEST 3 vom 12. Bis 14. Dezember 1991.
Auszeichnungen weltweit (Auswahl):
1985
The New York Film Critics Circle (NYFCC) Awards, Bester Dokumentarfilm
Los Angeles Film Critics Association (LAFCA) Awards, Besondere Erwähnung
Prix des Arts, des Lettres et des Sciences de la Fondation du Judaïsme français
Prix de la Ligue Internationale Contre le Racisme et l’Antisémitisme
1986
National Society of Film Critics (NFSC) Awards, Bester Dokumentarfilm
The Boston Society of Film Critics (BSFC), Bester Dokumentarfilm
Filmpreis Rotterdam
British Academy of Film and Television Arts (BAFTA) Awards, Flaherty Dokumentarfilmpreis
Caligari Filmpreis der Berlinale
FIPRESCI-Preis der Berlinale (Forum)
Preis der Internationalen Katholischen Organisation
The Torch of Liberty Award
Christopher Award
Preis des Simon Wiesenthal Centers
Preis der International Documentary Association (IDA)
Ehren-César
1987
The Peabody Award
Grimme-Preis in Gold
Broadcasting Press Guild Television Awards
Kansas City Film Critics Circle (KCFCC) Award, Bester Dokumentarfilm
1987/88
Royal Television Society Programme Award
Regie, Buch: Claude Lanzmann Recherche-Assistenz: Corinna Coulmas, Irène Steinfeldt-Lévi, Shalmi Bar Mor Regieassistenz: Corinna Coulmas, Irène Steinfeldt-Lévi Dolmetscher: Barbara Janicka (Polnisch), Francine Kaufmann (Hebräisch), Frau Apfelbaum (Jiddisch) Kamera: Dominique Chapuis, Jimmy Glasberg, William Lubtchansky Kameraassistenz: Caroline Champetier de Ribes, Jean-Yves Escoffier, Slavek Olczyk, Andrès Silvart Ton: Bernard Aubouy,
Michel Vionnet (in Israel) Schnitt: Ziva Postec, Anna Ruiz (für eine Treblinka- Sequenz) Schnittassistenz: Geneviève de Gouvin Saint-Cyr, Bénédicte Mallet, Yaël Perlov, Christine Simonot Tonschnitt: Danielle Fillios, Anne Marie L’Hôte, Sabine Mamou Tonschnitt (Assistenz): Catherine Sabba, Catherine Trouillet Mischung: Bernard Aubouy Produktionsleitung: Stella Gregorz-Quef, Séverine Olivier-Lacamp Produktionsbüro: Raymonde Badé-Mauffroy Produktion: Les Films Aleph, Historia Films Untertitel OF: Irith Leker, Odette Audebeau-Cadier, Claude Lanzmann







Claude Lanzmann - Bio-/Filmografie
1925 als Sohn assimilierter Juden in Paris geboren, schließt sich Lanzmann 1943 als Gymnasiast in Clermont-Ferrand der Résistance an und nimmt an Partisanenkämpfen teil. Nach dem Krieg Studium der Philosophie und Literatur. 1947 Universitätsabschluss in Tübingen mit einer Arbeit über Leibniz, 1948/49 Dozentur an der FU Berlin. Seit 1952 und seit seiner Begegnung und engen Freundschaft mit Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir ständiger Mitarbeiter, heute Herausgeber der von ihnen gegründeten politisch-literarischen Zeitschrift Les Temps Modernes. Er entdeckt seine tiefe Verbundenheit zu Israel, das er 1952 erstmals bereist. Zugleich vehementes antikolonialistisches Engagement gegen die französische Algerien-Politik. Ende der 60er Jahre erste Film- und Fernseharbeiten. Die Filmarbeit wird Lanzmanns intensive Auseinandersetzung mit Israel über die Jahre stetig vertiefen. Sommer 1973 Beginn der Arbeit an SHOAH, den er 1985 – also fast 12 Jahre später – fertig stellt: cineastisch und historisch ein Großereignis, das die Grenzen des Dokumentarfilms radikal verschiebt und weltweit große Anerkennung findet. Zahlreiche Ehrungen, Lanzmann erhielt u. a. die Médaille de la Résistance, ist Kommandeur des Ordre National du Mérite (des Nationalen Verdienstordens), Kommandeur der Légion d’Honneur (Ehrenlegion) – der ranghöchsten Auszeichnung in Frankreich für militärische und zivile Verdienste. Ehrendoktorate (Philosophie) der Hebräischen Universität Jerusalem, der Universität von Amsterdam, der Adelphi University, New York und der European Graduate School in Saas-Fee, Schweiz. Seit 1998 Mitglied der Akademie der Künste, Berlin, Sektion Film- und Medienkunst.
2010 DER KARSKI-BERICHT
* Alle Filme in deutscher Sprache auf DVD bei uns. Mehr unter: www.absolutmedien.de
»SHOAH ist ein Film über den Tod, nicht über das Überleben. Es gibt darin keinen einzigen Überlebenden, es gibt allenfalls Wiedergänger, die fast schon im Jenseits über dem Boden des Krematoriums schwebten und zurückgekommen sind. Diese Menschen sagen niemals ›ich‹, sie erzählen nicht ihre eigene Geschichte. Sie sagen ›wir‹, weil sie für die Toten mitsprechen.«
Claude Lanzmann
Claude Lanzmann: Dieses Wort Shoah
In den 11 Jahren meiner Arbeit am Film hatte ich keinen Namen für ihn. ›Holocaust‹ kam wegen der Anklänge an religiöse Opfer nicht in Frage; war außerdem bereits belegt. Ein Film braucht aber einen Titel, schon aus rein praktischen Gründen. Ich habe es mit verschiedenen versucht, alle unbefriedigend. In Wahrheit gab es einfach keinen Namen für etwas, was ich nicht einmal als ›Ereignis‹ bezeichnet hätte. Insgeheim sprach ich zu mir immer von der ›Sache‹, um das Unbenennbare zu benennen. Wie hätte es auch einen Namen geben können für etwas, das absolut ohne Vorbild in der Geschichte der Menschheit war? Hätte ich darauf verzichten können, meinen Film zu benennen, ich hätte es getan. Der Begriff ›Shoah‹ hat sich mir erst ganz spät aufgedrängt, weil ich, der kein Hebräisch beherrscht, seinen Sinn nicht verstand, was wiederum eine Art war, die Benennung zu umgehen. Für jene aber, die Hebräisch sprechen, ist ›Shoah‹ ebenso unangemessen. Der Ausdruck taucht in der Bibel mehrfach auf. Er bedeutet ›Katastrophe‹, ›Zerstörung‹, ›Vernichtung‹ – es kann sich dabei um ein Erdbeben oder eine Überschwemmung handeln. Nach dem Krieg haben Rabbiner willkürlich entschieden, dass er ›die Sache‹ bezeichnen solle. Für mich aber war ›Shoah‹ ein Signifikant ohne Signifikat, eine kurze Lautfolge, undurchsichtig, ein undurchschaubares Wort, unzerlegbar, wie ein Atomkern.
Als Georges Cravenne, der damals die Organisation der Premiere im Théâtre de l‘Empire auf sich genommen hatte, mich nach dem Filmtitel fragte, gab ich zur Antwort:
»Shoah.«
»Was bedeutet das denn?«
»Ich weiß nicht, es bedeutet ›Shoah‹.«
»Aber man muss es übersetzen, niemand wird verstehen.«
»Das ist genau mein Ziel, dass niemand versteht.«
Ich habe hart kämpfen müssen, um ›Shoah‹ durchzusetzen ohne zu wissen, dass ich damit einen radikalen Akt der Benennung vornehme, da doch schon kurze Zeit darauf der Filmtitel in den verschiedenen Sprachen zum Namen geworden ist für das Ereignis in seiner absoluten Einzigartigkeit. Der Film wurde auf Anhieb namensgebend, überall hörte man plötzlich: ›die Shoah‹. Die Gleichsetzung des Films mit dem, was er darstellt geht so weit, dass einige kühne Geister von mir als dem »Autor der Shoah« sprechen, worauf ich nur sagen kann: »Nein, Lanzmann, das war ›Shoah‹, ›die Shoah‹, das war Hitler.«
Der Artikel, aus dem hier der Anfang zitiert ist, war Teil einer erhitzten Debatte,
die in der ersten Jahreshälfte 2005 in der französischen Tageszeitung Le Monde über
(un)mögliche Benennungen des NS-Genozids an den Juden geführt wurde. Eröffnet
hatte diese Jacques Sebag am 27. Januar (Pour en finir avec le mot Holocauste), worauf
sich Henri Meschonnic am 19. Februar einschaltete: Pour en finir avec le mot
›Shoah‹. Meschonnics Beitrag enthielt heftige Angriffe gegen Lanzmanns namensgebenden
»Erfolgsfilm«, wogegen sich Lanzmann schließlich mit seinem Artikel zur
Wehr setzte.
Shoah, Schoah, Shoa, Schoa
hebräisch für: Abgrund, Vernichtung, Dunkelheit, große Katastrophe, Unheil, Untergang – inzwischen auch Synonym für die Massenvernichtung des europäischen Judentums im Nationalsozialismus. Der Begriff wird dem in den USA – auch medial (man denke an die gleichnamige TV-Serie aus den 70ern um die Familie Weiss) – geprägten Begriff des ›Holocaust‹ zunehmend vorgezogen, dessen griechisch-römische Etymologie (gr. holokauston bzw. lat. holocaustum = ›Brandopfer‹) problematische Nähen zu religiösen Opferriten herstellt. Vom Unerhörten sich einen Begriff zu machen, kann aber wohl abschließend nicht gelingen, und so bleibt auch ›Shoah‹ als Begriff, vor allem in seinen Anklängen an Naturkatastrophen, überaus kontrovers.
»SHOAH ist ein Film über den Tod, nicht über das Überleben. Es gibt darin keinen einzigen Überlebenden, es gibt allenfalls Wiedergänger, die fast schon im Jenseits über dem Boden des Krematoriums schwebten und zurückgekommen sind. Diese Menschen sagen niemals ›ich‹, sie erzählen nicht ihre eigene Geschichte. Sie sagen ›wir‹, weil sie für die Toten mitsprechen.«
Claude Lanzmann
DIE ORTE DER VERNICHTUNG IN SHOAH
»SHOAH basiert ganz und gar auf der Abwesenheit von Spuren. Die Nazis haben nicht nur die Juden vernichten wollen, sondern die Vernichtung selbst, i. e. die Spuren des Verbrechens beseitigen, und zwar bereits bei seiner Ausführung. Es ist der verrückteste Versuch einer Vernichtung von Geschichte. … Ich habe einen Film gemacht, der buchstäblich von Nichts ausgeht, von Orten, die sich ganz und gar verändert haben und zugleich andauern …«
Claude Lanzmann
»Das Gerüst des Films ist die Radikalität des Todes. Ist letztendlich die Vernichtung.«
Claude Lanzmann
»Shoah ist ein Film über Zeugenschaft: darüber, was es heißt, Zeuge einer Katastrophe zu werden und zu sein. Was in diesem Film bezeugt wird, sind Grenzerfahrungen, deren überwältigender Eindruck die Wahrnehmung des Zeugen und seine Fähigkeit, Zeugnis abzulegen, ständig auf die Probe stellen. Dabei werden gleichzeitig die Grenzen der Wirklichkeit erschüttert und in Frage gestellt.«
Shoshana Felman
DIE ZEUGEN DER VERNICHTUNG IN SHOAH*
»Es geht um die Vergegenwärtigung der Vergangenheit in der Gegenwart – Shoah ist eine Inkarnation. … Es wurde viel Mühe darauf verwandt, die Aussagen in Szene zu setzen, die Sprecher überhaupt in die Lage zu versetzen, zu sprechen. … Der Friseur hätte ohne die Inszenierung in einem Friseurladen weder sprechen, noch weinen können. // Ich wusste, dass dieser besondere Moment – das Haare schneiden in der Gaskammer – für mich extrem wichtig war. Daher habe ich eigens nach diesem Mann gesucht. Er war der einzige Zeuge. Und deshalb mietete ich auch den Friseursalon. Ich habe versucht, eine Umgebung zu schaffen, in der etwas geschehen könnte. Ich war mir nicht sicher. Sie müssen mich verstehen, ich wusste nicht, was in der Szene passieren würde. Aber ich wusste, was ich von ihm wollte, was er zu sagen hatte. … Ich glaube, er hätte nicht zugestimmt, die Szene mit Frauen zu drehen, und ich glaube, ich selbst auch nicht. Das wäre unerträglich und obszön gewesen und die Übertragung hätte nicht funktioniert. … Der Film ist ganz und gar nicht nicht abbildlich. … Er braucht eine Distanz.«
Claude Lanzmann
* Redaktioneller Hinweis: Nicht alle Geburts- und Todesjahre der Zeugen konnten von uns ermittelt werden. Daher geben wir diese nur an, sofern uns zu Redaktionsschluss glaubwürdige Quellen vorlagen. Als Filmverlag können wir keine wissenschaftlich-historiografische Edition leisten. Wir vermuten und wissen zum Teil, dass einige Zeugen inzwischen leider verstorben sind. Sofern uns kein Datum vorliegt, finden Sie in diesem Booklet dazu keinen Vermerk.
OPFER
Aaron, Armando · Griechischer Jude. Überlebender von Auschwitz, wohin er im Juni 1944 von der Insel Korfu deportiert worden war. Nach dem Krieg Vorstand der jüdischen Gemeinde von Korfu.
Biren, Paula · Polnische Jüdin aus Lódz´. Überlebende des Ghettos Lódz´ (Litzmannstadt), Überlebende von Auschwitz. Als junge Einwohnerin eines der größten Zentren jüdischen Lebens in Europa erlebte sie die Errichtung des Ghettos im Frühjahr 1940. Sie wurde gezwungen, mit ihrer Familie dorthin umzuziehen. Als das Ghetto nach vier Jahren im August 1944 endgültig aufgelöst wurde, stand sie mit Zehntausenden auf der Deportationsliste des Judenrats und kam mit ihrer Familie nach Auschwitz. Nur ihre Schwester und sie haben überlebt. Paula Biren emigrierte in die USA und kehrte nie wieder nach Polen zurück.
Bomba, Abraham · Deutsch-polnischer Jude ausCzestochowa. Überlebender von Treblinka. 1913 in Beuthen geboren, aufgewachsen in Czestochowa. Aus dem dortigen Ghetto im September 1942 nach Treblinka deportiert. Dort als »Arbeitsjude« in der Sortierbaracke eingesetzt. Sein Lehrberuf brachte ihn überdies in das »Friseurkommando« des Lagers, das den Frauen und Kindern vor ihrem Gang in die Gaskammern die Haare zu schneiden hatte. Noch Ende des Jahres 1942 gelang ihm die Flucht. Nach dem Krieg zog Bomba nach New York, später nach Tel Aviv und trat als Zeuge bei den Düsseldorfer Treblinka-Prozessen auf.
Deutschkron, Inge · Deutsche Jüdin. 1922 in Finsterwalde geboren, überlebte den Krieg in Verstecken in Berlin, nachdem ihrer Mutter und ihr die Flucht aus Deutschland nicht gelungen war. Nach dem Krieg weltweit als Journalistin und Autorin tätig, ab 1966 israelische Staatsbürgerschaft.
Inge Deutschkron: Ich trug den gelben Stern. München 1975
Dugin, Itzhak · Lettischer Jude aus Vilnius (Wilna). Überlebender des Ghettos Wilna. Mit (1) Motke Zaidl als »Arbeitsjude« bei den Massengräbern im Wald von Ponar eingesetzt. Als im September 1943 das Wilnaer Ghetto »liquidiert« wurde, erschoss oder deportierte man die noch lebenden Einwohner. Dugin blieb mit einigen Tausenden arbeitsfähigen Gefangenen, um ab Januar 1944 die Massengräber in Ponar auszuheben und alle Spuren des Massenmordes zu beseitigen.
Elias, Ruth · Tschechische Jüdin aus Mähren. Überlebende von Theresienstadt, Überlebende von Auschwitz-Birkenau. Kam im April 1942 ins Ghetto Theresienstadt, von wo sie im Dezember 1943 deportiert wurde. Bei der Ankunft im Familienlager in Birkenau war sie 22 Jahre alt und im zweiten Monat schwanger. Nach der Geburt tötete sie ihr Kind, um es dem Zugriff von Lagerarzt Mengele zu entziehen. Zur Zwangsarbeit nach Leipzig verschickt, dort späte Befreiung als einzige Überlebende ihrer Familie. 1949 ging sie nach Israel.
Ruth Elias: Die Hoffnung erhielt mich am Leben. München 1995, zuerst 1988
Glazar, Richard (1920–1997) · Tschechischer Jude, Überlebender von Treblinka, wohin er im Herbst 1942 über Theresienstadt deportiert worden war. Mit seinem Freund Karel Unger als »Arbeitsjude« in der Sortierbaracke, später auch im »Kommando Tarnung« eingesetzt. Den beiden gelang nach dem Aufstand vom 2. August 1943 die Flucht. Sie schlugen sich durch Polen nach Deutschland durch und überlebten die letzten zwei Kriegsjahre in der Mannheimer Heinrich Lanz AG mit falschen Papieren. Nach dem Krieg Studium in Prag, Paris und London, Diplom als Wirtschaftsingenieur; floh nach dem Zusammenbruch des Prager Frühlings in die Schweiz. Zeuge in den Düsseldorfer Treblinka-Prozessen. Glazar nahm sich nach dem Tod seiner Frau am 20. Dezember 1997 in Prag das Leben.
Richard Glazar: Die Falle mit dem grünen Zaun. Frankfurt am Main 1992
Mordo, Moshe · Griechischer Jude von der Insel Korfu. Überlebender von Auschwitz-Birkenau. Seine gesamte Familie ist in Birkenau umgekommen.
Müller, Filip · Slowakischer Jude, Überlebender der fünf Liquidierungen des »Sonderkommandos« von Auschwitz und Birkenau. 1922 im slowakischen Sered an der Waag geboren, kam er am 13. April 1942 mit dem ersten Transport aus der Slowakei nach Auschwitz. Im Mai 1942 wurde er in das Krematoriumskommando des Stammlagers eingewiesen, später als Heizer in das »Sonderkommando« Birkenau. Mit der Evakuierung des Lagers am 18. Januar 1945 verschleppte man die noch lebenden 100 Angehörigen des »Sonderkommandos« mit anderen Häftlingen in das KZ Mauthausen. Dort versuchte die SS die Zeugen des Verbrechens in der Masse der Häftlinge zu identifizieren, was ihnen nicht gelang. In einem Nebenlager von Mauthausen (Gunskirchen) erlebte er die Befreiung am 4. Mai 1945. Müller ist die Verkörperung der unmöglichen Zeugenschaft: Er verfasste den ersten und einzigen Bericht aus dem Inneren der Gaskammern, an dem er mehr als 15 Jahre arbeitete und der 34 Jahre nach seiner Befreiung erstmals in Deutschland veröffentlicht wurde. Sagte 1963 beim Frankfurter Auschwitz-Prozess aus.
Filip Müller: Sonderbehandlung. Drei Jahre in den Krematorien und Gaskammern von Auschwitz. München 1979 (Die französische Ausgabe erschien mit einem Vorwort von Claude Lanzmann in Paris 1980.)
Podchlebnik, Michael (auch Mordechaï) · Jüdischer Einwohner von Bugaj (Dorf im Norden von Kolo und Chelmno); Überlebender der ersten Vernichtungsphase (Dezember 1941 bis März 1943) des Lagers Chelmno (Kulmhof). Mit 29 anderen Gefangenen wurde er um Neujahr 1942 zum »Waldkommando« ausgewählt, das die Massengräber auszuheben hatte für die Leichen aus den Gaswagen. Podchlebnik gelang später die Flucht; er überlebte den Krieg und sagte 1961 beim Eichmann-Prozess in Jerusalem aus.
Rotem, Simha, genannt ›Kazik‹ · Polnischer Jude, Überlebender des Warschauer Ghettos, Mitglied der Jüdischen Kampforganisation (Zydowska Organizacja Bojowa, ZOB), für die er wegen seines ›arischen‹ Aussehens ab Ende 1942 als Kurier eingesetzt wurde. Er war achtzehn, als am 19. April 1943 der Aufstand im Warschauer Ghetto ausbrach. Wanderte 1946 nach Palästina aus.
Simha Rotem: Kazik – Erinnerungen eines Ghettokämpfers. Berlin 1996
Schneider, Gertrude (geb. Hirschhorn) mit ihrer Mutter Charlotte Hirschhorn (geb. LeWinter) · Österreichische Jüdinnen aus Wien. Überlebende des Ghettos Riga, der KZs Kaiserwald (bei Riga) und Stutthof (bei Danzig). Anfang Februar 1942 wurde Gertrude (Jg. 1928) mit ihrer jüngeren Schwester Rita und ihren Eltern ins Ghetto nach Riga deportiert. Noch vor der Auflösung des Ghettos im November 1943 folgte eine Odyssee durch verschiedene Lager; die Familie wurde getrennt, der Vater starb in Buchenwald. 1947 emigrierte sie mit Mutter und Schwester in die USA, wo sie Mathematik, später Geschichte studierte. Dissertation 1979 Journey Into Terror. Story of the Riga Ghetto. Weitere Publikationen in englischer Sprache, u.a. über Riga und das Schicksal der österreichischen Juden.
Auf Deutsch erschienen: Gertrude Schneider: Reise in den Tod. Deutsche Juden in Riga 1941–1944. Berlin 2006
Srebnik, Simon (auch Shimon Srebrnik) (1930–2006)· »Der singende Junge« · Polnischer Jude aus Lódz´. Überlebender der zweiten Vernichtungsphase (Juni 1944 bis Januar 1945) von Chelmno (Kulmhof), wohin er mit 13 Jahren deportiert wurde. Seinen Vater hatte die SS zuvor im Ghetto Lódz´ ermordet – vor seinen Augen. Seine Mutter starb in einem der Gaswagen von Kulmhof. Die SS machte ihn zum »Arbeitsjuden«. In der Nacht zum 18. Januar 1945, zwei Tage vor Eintreffen der sowjetischen Truppen, sollten die letzten »Arbeitsjuden« durch Genickschuss getötet werden. Unter ihnen auch Srebnik. Die Kugel traf kein lebenswichtiges Organ, er entkam, wurde behandelt und reiste einige Monate später nach Tel Aviv aus. 1961 Zeuge beim Eichmann-Prozess in Jerusalem.
Siehe auch den Einleitungstext zum Film auf DVD 1
Vrba, Rudolf, eigentlich Walter Rosenberg (1924–2006) · Slowakischer Jude, Überlebender von Auschwitz und Birkenau. Am 14. Juni 1942 nach Majdanek deportiert, am 30. Juni bereits weiter zur ›Feldarbeit‹ ins Stammlager Auschwitz I: Es galt die Leichen von über 100.000 Kriegsgefangenen auszugraben und zu verbrennen. Noch im Sommer Wechsel des Arbeitskommandos: Vom 18. August 1942 bis 7. Juni 1943 Dienst im Effektenlager ›Kanada‹ an der Selektionsrampe zwischen Auschwitz I und II (Birkenau), anschließend Blockschreiber in Birkenau, Kontakte zur Widerstandsbewegung. Nach enttäuschten Hoffnungen auf einen möglichen Aufstand Flucht mit seinem Mithäftling Alfred Wetzler am 7. April 1944. Die beiden erreichten die Slowakei und sprachen beim Judenrat in Žilina vor: Ihre Ausführungen ergaben einen detaillierten Bericht von über 30 Seiten über die Vernichtungsmaschinerie des Lagers, der schließlich über verschiedene Kanäle bis in den Westen zu den Alliierten gelangte. Nach Veröffentlichung mehrten sich die Stimmen, die eine Bombardierung der Gaskammern sowie der Bahnstrecken nach Auschwitz-Birkenau forderten. Es kam nie dazu. Die Flüchtlinge traten bis Kriegsende den Partisanen bei. Nach dem Krieg nahm Rosenberg offiziell seinen Decknamen Vrba an, lebte in Prag und Israel. War 1961 einer der Kronzeugen im Eichmann-Prozess in Jerusalem und sagte 1964 beim Frankfurter Auschwitz-Prozess aus. 1967 emigrierte er nach Vancouver, Kanada, wo er Professor für Pharmakologie wurde und bis zu seinem Tod blieb.
Rudolf Vrba: Ich kann nicht vergeben. München 1964, neu erschienen unter dem Titel: Als Kanada in Auschwitz lag. München 1999 / »Vrba-Wetzler-Bericht« mit ergänzenden Fußnoten: Henryk Z´wiebocki (Hg.): London wurde informiert … Os´wiecim 1997 Nachruf von Claude Lanzmann: La voix de Rudolf Vrba à jamais dans «Shoah». Libération, 05.05.2006. Daraus:
Zaidl, Motke (mit Tochter Hanna) · Lettischer Jude aus Vilnius (Wilna). Überlebender des Ghettos Wilna. Mit (1) Itzhak Dugin als »Arbeitsjude« bei den Massengräbern im Wald von Ponar eingesetzt. Als im September 1943 das Wilnaer Ghetto »liquidiert« wurde, erschoss oder deportierte man die noch lebenden Einwohner. Zaidl blieb mit einigen Tausenden arbeitsfähigen Gefangenen, um ab Januar 1944 die Massengräber in Ponar auszuheben und alle Spuren des Massenmordes zu beseitigen.
Zuckerman, Yitzhak genannt ›Antek‹ (1915–1981) · Lettischer Jude aus Vilnius (Wilna), Überlebender des Warschauer Ghettos, stellvertretender Kommandant der Jüdischen Kampforganisation (Zydowska Organizacja Bojowa, ZOB), übernahm nach dem Tod des Kommandanten Mordechai Anielewicz am 8. Mai 1943 das Kommando der ZOB. Im Jahre 1944, nach der Niederschlagung des Aufstandes, kämpften Antek und seine Frau Zvia Lubetkin neben dem polnischen Widerstand gegen die Deutschen. Nach dem Krieg gingen sie nach Israel und gründeten mit anderen Überlebenden 1949 das Kibbuz und das Museum Lohamei Haghetaot (Kibbuz und Museum der Ghettokämpfer). 1961 als Zeuge beim Eichmann-Prozess.
Webauftritt des Museums: http://gfh.org.il Yitzhak Zuckerman: A surplus of Memory – chronicle of the Warsaw ghetto uprising. Berkeley [u. a.] 1993
»SHOAH hatte nicht zum Ziel, über Dinge zu informieren, die sich ebenso in Geschichtsbüchern nachschlagen lassen … im Zentrum stehen die realen Orte von Heute und die Gesichter, die Körper der Zeugen. Es gibt keinen Kommentar, keine Off-Stimme. Es ist wirklich die Rehabilitierung der Zeugenschaft.«
Claude Lanzmann
»Die Überlebenden in SHOAH sind Sprecher der Toten – das steht außer Frage. Aber wenn die Juden aus Korfu auftauchen und der Alte die Fotografien zeigt, geht es noch tiefer. Eine andere Wahrheit blitzt plötzlich auf.«
Claude Lanzmann
»Es gab außergewöhnliche Szenen, die sozusagen den Kern bildeten, um den herum ich dann den Film aufgebaut habe, z. B. als Filip Müller das Massaker im Familienlager schildert, zusammenbricht und weint. Das ist eine ganz wesentliche Geschichte, die für mich eine Reihe von grundlegenden Dingen verkörpert: Wissen/Nichtwissen, Täuschung, Gewalt, Widerstand.«
Claude Lanzmann
»Als ich Srebnik, den Überlebenden von Chelmno, das erste Mal traf, war der Bericht, den er mir gab, so ungewöhnlich wirr, dass ich nichts verstanden habe. Er hatte so viel Grauenhaftes erlebt, dass er völlig am Ende war. // Bei unserem dritten Treffen hat mir Simon Srebnik ein Lied vorgesungen. Als ich es hörte, wusste ich, wie ich den Film beginnen würde. Ich wollte in Polen filmen, am Ner. Seine Frau wollte nicht, dass er nach Polen zurückkehrt. Mir ist es gelungen, ihn zu überzeugen, und ich habe ihn in das polnische Dorf zurückgebracht. … Vor der Kirche habe ich diese unglaubliche Szene gedreht, in der Simon Srebnik umringt ist von Dorfbewohnern, die sich an ihn erinnern. Simon bleibt wie versteinert, abwesend. Die polnische Übersetzerin zensiert sich selbst als die Dörfler ›Jydki‹ [polnisches Schimpfwort für Jude] sagen. Der Organist kommt aus der Kirche und lässt schließlich diese Sätze ab, dass die Juden bestraft werden, weil sie Christus getötet haben und dass es ihm ein Rabbi gesteckt hätte. Es ist dies eine der markantesten Stellen des Films.«
Claude Lanzmann
»Rudolf Vrba faszinierte: Unter seiner etwas mephistophelischen Ausstrahlung und der sanften slowakischen Melodie seines Englisch verbarg sich ein stählerner Charakter, mutig, kühn, widerständig, von unendlicher Reinheit. Sein schwarzer Humor war Zeichen brillanter Intelligenz und schärfster Urteilskraft; Tugenden, die es ihm ermöglicht haben … zu überleben, bevor er die unmögliche Flucht fertigbrachte.«
Claude Lanzmann
»Der polnische Eisenbahner Henrik Gawkowski ist ein Mann, den ich sehr liebe. Er … ist ein ungewöhnlicher Mensch. Ich habe ihn nicht aufgefordert, diese grausame Geste zu machen – er hat es von sich aus getan. Bei den Dreharbeiten kletterten wir auf die Lokomotive. Er war völlig versteinert vor Schmerz in seiner Lokomotive, nicht nur, weil er getrunken hatte – er trank ziemlich viel –, sondern weil er diesen tiefen aufrichtigen Schmerz empfand. // Er nahm es auf sich, die Szene erneut zu durchleben. Wir fahren in diese Station ein. Er sieht nach hinten. Er hat einen verdrehten Körper, ein verdrehtes, runzliges Gesicht, und man sieht ihm deutlich die ungeheure Anstrengung an, sich zu erinnern. Da fällt es ihm ein, und plötzlich ›erfindet‹ er diese Geste. // Die Geste des Halsabschneidens ist in seinem Fall nicht sadistisch, er führt sie nur vor. Er macht sie als erster, aber niemand versteht sie. Eine Dreiviertelstunde später versteht man, wenn die anderen sie machen. // Sie wurde zu einem der Stützpfeiler des Films. … Es ist die Geste von Bauern, die Schweine schlachten. … [Gawkowski] hat die Waggons nicht gezogen, er hat sie angeschoben. Ein triviales Detail, mag sein, aber für mich ist es sehr wichtig. … Es steckt mehr Wahres in diesem winzigen, trivialen Befund als in jeder allgemeinen Aussage über das Problem des Bösen. … Es gäbe keinen Film, wenn diese Details für mich nicht eine so große Rolle spielen würden. Jeder weiß, dass sechs Millionen ermordet wurden, aber das ist eine Abstraktion.«
Claude Lanzmann
WEITERE ZEUGEN
Borowi, Czeslaw · Polnischer Bauer aus Treblinka. War Mitte Zwanzig als im Sommer 1942 die ersten Transporte eintrafen.
Falborski, Bronislaw · Polnischer Einwohner von Kolo. Kfz-Mechaniker, der im Sommer 1942 den Befehl erhielt, einen der Gaswagen von Chelmno (Kulmhof) zu reparieren. So war es ihm später möglich, wichtige Aussagen über die Beschaffenheit der Wagen zu Protokoll zu geben und eine Konstruktionsskizze anzufertigen.
Herr Filipowicz · Polnischer Einwohner von Wlodawa. Zeuge der Deportationen von Wlodawa nach Sobibor.
Gawkowski, Henrik · Polnischer Lokführer aus Malkinia. Fuhr viele Transporte nach Treblinka.
Frau Pietyra · Polnische Einwohnerin von Oswiecim (Auschwitz).
Piwonski, Jan · Polnischer Hilfsweichensteller am Bahnhof Sobibor ab Februar 1942. Zeuge der Errichtung des Lagers und der ersten Transporte im Frühjahr 1942. Zum Zeitpunkt des Interviews Oberst der polnischen Armee.
Hilberg, Raul (1926–2007) · US-amerikanischer Historiker und bedeutender Holocaust-Forscher österreichisch- jüdischer Herkunft. 1939 mit seiner Familie in die USA emigriert, wo er politische Geschichte studierte und von 1956–1991 an der Universität von Vermont lehrte. Seine Dissertation The Destruction of the European Jews (1961) gilt als eines der wenigen Standardwerke zur Gesamtgeschichte der NS- Vernichtungspolitik und ist von ihm im Laufe der Jahre mehrfach aktualisiert und ergänzt worden.
Deutsche Ausgaben: Raul Hilberg: Die Vernichtung der europäischen Juden. Berlin 1982 (Frankfurt/Main 1990, 10. Auflage: 2007) 1979 gab Hilberg das Tagebuch des Vorsitzenden des Judenrats im Warschauer Ghetto heraus, aus dem er im Film vorliest. Deutsche Ausgabe: Im Warschauer Getto.Das Tagebuch des Adam Czerniakow 1939–1942. München 1986
Karski, Jan, eigentlich Jan Kozielewski (1914–2000) · Polnisch-katholischer Widerstandskämpfer und legendärer Kurier der polnischen Exilregierung. Als Augenzeuge der Judenvernichtung sprach er ab Herbst 1942 bei den Alliierten vor (u.a. persönliches Treffen mit Präsident Roosevelt im Juli 1943). Sein Bericht stieß vielfach auf Unglauben. 1994 Ehrenbürgerschaft des Staates Israel.
Siehe auch: Der Karski-Bericht. DVD, Farbe, 49 Min. In: Claude Lanzmann Gesamtausgabe. Alle Filme des SHOAH-Regisseurs auf 10 DVD Biografie in deutscher Übersetzung: E. Thomas Wood, Stanislaw M. Jankowski: Jan Karski – Einer gegen den Holocaust, Als Kurier in geheimer Mission. Gerlingen 1997
Spieß, Alfred (1919–2001) · Düsseldorfer Oberstaatsanwalt, zu Beginn der 70er Jahre Leiter der Kölner Zentralstelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen
und Vertreter der Anklage u. a. in den Düsseldorfer Treblinka-Prozessen, dem Majdanek-Verfahren und bei Verfahren um die Rolle der Reichsbahn beim Holocaust.
»Wie z. B. in der Szene, in der ich die Bauern von Treblinka befrage; ich frage den Dicken, ob er sich an den ersten Transport von Warschauer Juden am 22. Juli 1942 erinnere. Er erwidert, er erinnere sich sehr gut daran, vergisst dann sofort, dass vom ersten Transport die Rede war und ist plötzlich mitten in der Routine der Alltäglichkeit der Vernichtung und Transporte, die er ständig ankommen sah.«
Claude Lanzmann
»Ich lernte Raul Hilberg bei einem Historikerkongress 1975 kennen. Er unterschied sich deutlich von seinen Kollegen, durch die trockene Härte seiner Stimme, seinen völligen Verzicht auf Emphase und Pathos, seine zuweilen beißende Ironie. Sein Buch hatte ich vollständig in mich aufgesogen.«
Claude Lanzmann
»Was Lanzmann betrifft, so erinnere ich mich, dass ich 1976 oder 1977 mehrere Briefe aus Paris bekam. Von Monsieur Claude Lanzmann: Er habe von mir erfahren, meine Adresse aufgespürt – er mache einen Film, der nicht so wie andere Filme sein werde. Es werde der großartigste Film werden, der jemals 19 über die Juden gemacht worden ist. Schauspieler und Hollywood-Stars werde es nicht geben, nur Interviews mit drei Kategorien von Menschen. Erstens mit deutschen Verbrechern, wenn sie denn noch lebten und er sie finden könne. Zweitens mit jüdischen KZ Überlebenden, an denen er besonders interessiert war. Und drittens mit jüdischen Zeugen, zu denen er auch mich zählte. Ich würde in seinem Film auftreten und er wolle mich interviewen. Ich habe das in mehreren Briefen abgelehnt: Monsieur Lanzmann, ich mache bei Ihrem Film nicht mit. Ich habe mit der Sache abgeschlossen, lassen Sie mich in Ruhe! Dann schrieb er mir, er käme nach Washington, wolle mich sehen und hoffe, ich werde ihn nicht zurückweisen. Das konnte ich nicht ablehnen, also willigte ich in das Treffen ein. Dann erschien er, mit fünf Mann Begleitung, Kameras usw., und jetzt wolle er seinen Film machen. … Ich widersprach und widersprach, aber ein letztes Argument war: ›Professor Karski, schauen Sie in den Spiegel. Sie sind alt, Sie werden bald sterben – es ist Ihre Pflicht, mir zu helfen. Sie werden sehen, es wird der großartigste Film, der jemals über Juden gedreht wurde.‹ … Ich willigte also ein, und er filmte mich zwei Tage lang, jeden Tag vier Stunden. Später wurde der Film in der ganzen Welt eine Sensation. Ich weiß, wie sehr der Film kritisiert wurde, vor allem von Polen, aber ich habe nur eine Sache zu sagen: Das ist der großartigste Film, der jemals über den Holocaust an den Juden im Krieg gedreht worden ist – was Lanzmann mir von Anfang an versichert hatte.«
Jan Karski, Köln 1997, Quelle: shoa.de
»Der Film setzt sich nicht aus Erinnerungen zusammen. Erinnerungen schrecken mich ab; sie sind schwach. Der Film hebt jegliche Distanz zwischen Vergangenheit und Gegenwart auf; ich habe diese Geschichte in der Gegenwart wieder gelebt. Erinnerungen sieht man tagtäglich im Fernsehen: Krawattenträger hinter ihrem Schreibtisch, die irgendetwas erzählen. Nichts ist langweiliger als das. Durch die Inszenierung jedoch werden sie zu Darstellern.«
Claude Lanzmann
»Es ist zweifellos wahr, dass ich beim Interview mit Grassler … ungehalten wurde. Ich konnte seine Lügen nicht mehr ertragen und wich von meiner Regel ab, die eigentlich lautete, kühl und gefasst zu bleiben. Das hängt auch zusammen mit der Platzierung dieser Szene. Warum beschäftige ich mich mit der Frage des Ghettos im zweiten Teil des Films? Weil ich zeigen wollte, dass die Vernichtung bereits im System der Ghettos angelegt ist, dass das Ghetto bereits den Tod bedeutet hat. Als Grassler dies leugnete, wurde ich sehr wütend über seine Verlogenheit – man kann diese Tatsache nicht leugnen. Im allgemeinen bin ich aber in den Gesprächen kühl und gleichmütig geblieben.«
Claude Lanzmann
»Was da geschehen ist, hätte nicht geschehen können ohne einen allgemeinen Konsens der deutschen Nation. Diese Geschichte ist nicht die Tat einer Handvoll Gangster. Sie hat den Einsatz des gesamten Bürokratie- und Verwaltungsapparates eines großen, modernen Staates erfordert. Beweis: der Bürokrat der Reichsbahn (Walter Stier, der ehemalige Chef der Reichsbahnverwaltung).«
Claude Lanzmann
TÄTER
Grassler, Dr. jur. Franz (1909–1998) · Deutscher Rechtsanwalt, ehemals Assessor bei Dr. Heinz Auerswald, dem Nazi-Kommissar des Warschauer Ghettos. Beide wurden für ihre Tätigkeit im Ghetto nie zur Rechenschaft gezogen. Als begeisterter Alpinist schrieb Grassler nach 1945 Bergführer und war von 1962 bis 71 Beauftragter für die Bibliothek des Deutschen Alpenvereins.
Michelsohn, Martha · Ehemalige deutsche Aussiedlerbetreuerin und Ehefrau des Nazi-Lehrers an der deutschen Volksschule von Kulmhof (Chelmno) im Wartheland. Die Wohnung des Ehepaars lag direkt gegenüber von Schloss und Kirche, die der SS als Lagergebäude dienten.
Oberhauser, Josef (»Sepp«) Kaspar (1915–1979) · Ehemaliger SS-Offizier, Schankkellner aus München. Zunächst von 1939–1941 als »Leichenverbrenner« bei der »Aktion T4« (NS-Euthanasieprogramm, Deckname nach Tiergartenstraße 4) eingesetzt, dann von 1941–1943 bei der »Aktion Reinhard(t)« als Fahrer und Begleitschutz des SS- und Polizeiführers für Lublin, Odilo Globocnik, und als rechte Hand von Christian Wirth, dem Lagerkommandanten von Belzec und späteren Inspekteur der drei Vernichtungslager der »Aktion Reinhard(t)« (Belzec, Treblinka und Sobibor). 1943–1945 Kommandant des KZs Risiera di San Sabba in Oberitalien. Gerichtsurteile: 1948 in Magdeburg wegen Euthanasiemorden 15 Jahre Haft, 1956 amnestiert; 1965 in München im Namen des Volkes wegen Beihilfe zum 300.000fachen Mord 4½ Jahre Haft, 1967 amnestiert; einziger Belzec-Verurteilter im Rechtsstaat. 1976 von einem italienischen Gericht zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt, die er nicht antritt.
Schalling, Franz · Deutsches Mitglied der Schutzpolizei. Winter 1941/42 Einsatz im »Schloßkommando« Chelmno, das zur Bewachung des Lagergeländes abgestellt war.
Stier, Walter (1906–1985) · Ex-Mitglied der NSDAPund hoher Beamter der Reichsbahn; ab Januar 1940 bei der Gedob (Generaldirektion der Ostbahn), erst in Krakau, dann ab Mitte 1943 in Warschau als Leiter des Referats »Sonderzüge« im Dezernat 33, von dem sämtliche Fahrpläne für die Judentransporte in die Vernichtungslager ausgearbeitet wurden. Nach dem Krieg Aufstieg zum Bundesbahnamtsrat bei der Hauptverwaltung der Bundesbahn in Frankfurt am Main.
Dazu: Raul Hilberg: Sonderzüge nach Auschwitz. Reichsbahndokumente. Frankfurt am Main, Berlin 1987
Suchomel, Franz (1907–1979) · Sudetendeutscher Schneidermeister, geb. 1907 in Böhmisch Krumau an der Moldau. Ehemaliger SS-Unterscharführer, ab Ende August 1942 bis Oktober 1943 Wächter in Treblinka, anschließend Sobibor, bis Kriegsende Oberitalien. In Treblinka war er vor allem mit der Erfassung von Wertsachen befasst; ihm unterstanden die 10–12 »Goldjuden«, darüber hinaus wachte er über 50 »Hofjuden« und das »Friseurkommando«. Gelegentlich half er bei der Transportabfertigung aus. Nach dem Krieg Schneidermeister in Altötting. Schwer katholisch, verheiratet, drei Kinder, passionierter Amateurmusiker. 1965 im Düsseldorfer Treblinka-Prozess wegen Beihilfe zum gemeinschaftlichen Mord an mindestens 300.000 Personen zu sechs Jahren Haft verurteilt. Am 20. Dezember 1967 aus der Haft entlassen.
»Was mein Verhältnis zu Suchomel … betrifft, so habe ich zu ihm in der Tat eine andere Art von Kontakt herstellen können. Ich habe ihn öfter getroffen, und in gewisser Weise ist es uns gelungen, miteinander zu sprechen. Aber er war es, der den Ort des Interviews bestimmt hat – Braunau am Inn, die Geburtsstadt Hitlers, – das war seine Idee. Ich bin dort drei Tage vor dem Interviewtermin angereist, ich habe drei Hotelzimmer reserviert, und ich hatte einen Plan des Vernichtungslagers Treblinka dabei, den ich vom deutschen Vertreter der Anklage im Treblinka-Prozess bekommen hatte. Ich habe diesen Plan vergrößern lassen und an eine der Wände im Hotelzimmer gehängt. Dann bin ich in ein Geschäft für Anglerzubehör gegangen und habe eine Angelrute gekauft, die ich ein Stück abgesägt habe und so in einen Zeigestock, einen Lehrerstock verwandelt habe. Und als Suchomel zum vereinbarten Termin das Hotelzimmer betrat, begleitet von seiner Frau, sah er den Plan und zuckte zurück. Ich sagte ihm, dass er sich beruhigen solle und dass ich kein Nazi-Jäger sei. Ich wolle ihn nicht verurteilen und nicht von seiner Rolle sprechen – stattdessen wolle ich sein Schüler sein, er solle mir alles erklären – und ich gab ihm den Stock. Ich fragte ihn nach allem, was in Treblinka passiert war. Wie es möglich gewesen war bei ›Hochbetrieb des Lagers‹, so Suchomels Worte, fünfzehntausend Juden pro Tagzu töten. So begonnen, blieb unsere Diskussion auf einem technischen Niveau
und Suchomel entwickelte zunehmend mehr Stolz; er berichtete mir von der Zeit, in der er jung und aktiv gewesen war und zeigte dabei einen gewissen berufsmäßigen Stolz.«
Claude Lanzmann
»Die Konstruktion war auch diktiert von Fragen der Moral. Ich hatte nicht das Recht, die Begegnung der Darsteller zu provozieren. Ich konnte unmöglich die Nazis mit den Juden konfrontieren. Das sind keine alten Kombattanten, die sich 40 Jahre danach mit einem kräftigen Händedruck vor der Fernsehkamera wiederbegegnen. Darum taucht der erste Nazi erst nach fast zwei Stunden auf. In diesem Film begegnet keiner dem andern.«
Claude Lanzmann
Claude Lanzmann über SHOAH und seine Protagonisten – Quellen
[1] [Dieses Wort ›Shoah‹] Aus: Ce mot de Shoah. In: Le Monde, 25.02.2005
[2] Le Lièvre de Patagonie. Paris 2009
[3] Internationales Forum des Jungen Films / Freunde der deutschen Kinemathek (Hg.): Informationsblatt zu SHOAH. Berlin 1986. Darin vor allem: Der Ort und das Wort. Gespräch mit Claude Lanzmann. Interview: Marc Chevrie und Hervé Le Roux. Sowie: Die Lüge sichtbar machen. Interview: Heike Hurst. Beide zuerst frz. in: Cahiers du Cinéma N° 374, Paris Juli/August 1985
[4] Seminar With Claude Lanzmann 11 April 1990. In: Claude Lanzmann, Ruth Larson, David Rodowick: Yale French Studies, No. 79, Literature and the Ethical Question. Yale 1991, S. 82–99
[5] Kulturamt der Stadt Marburg, Silke Schneider (Hg.): Formen von Erinnerung. Eine Diskussion mit Claude Lanzmann. Tagung. Marburg 1998
[6] Claude Lanzmann trifft Schüler in Bergerac, Januar 2000: http://www.cndp.fr/Tice/teledoc/dossiers/dossier_shoah.html
[7] Claude Lanzmann: Parler pour les morts, entretien avec Guy Herzlich. In: Le Monde des débats, N° 14 Mai 2000
[8] Shoshana Felman: Im Zeitalter der Zeugenschaft: Claude Lanzmanns Shoah. In: Ulrich Baer (Hg.): Niemand zeugt für den Zeugen. Erinnerungskultur nach der Shoah. Frankfurt am Main 2000
Weitere Literatur:
[1] Claude Lanzmann: Shoah. Düsseldorf 1986 [Der vollständige Filmtext mit einem Interview von Heike Hurst und einem Vorwort von Simone de Beauvoir: Das Gedächtnis des Grauens]
[2] Gertrud Koch: Die Einstellung ist die Einstellung. Visuelle Konstruktionen des Judentums. Frankfurt am Main 1992
[3] Klaus Theweleit: Memory Pictures. In: Das Land, das Ausland heißt. München 1995
[4] WDR-Pressestelle (Hg.): Presseheft zu SHOAH, März 1986
[5] Erleben nicht erinnern – Claude Lanzmann und SHOAH. Eine Sendung von Angelika Wittlich. WDR, 1986 Auf Englisch/Französisch, empfohlen von Lanzmann:
[6] Claude Lanzmann: De l’Holocauste à Holocauste ou comment s’en débarasser. In: Les Temps Modernes, N° 395, Juni 1979
[7] Michel Deguy (Hg.): Au sujet de Shoah. Paris 1990
[8] Jean-François Forges: Éduquer contre Auschwitz. Paris 1997
[9] Gérard Wajcmann: L’objet du siècle. Paris 1998
[10] Stuart Liebman (Hg.): Claude Lanzmann’s Shoah – key essays. New York 2007
[11] Marcel Ophüls: Closely Watched Trains. In: American Film, November 1985
Ein Großteil des nicht verwendeten Filmmaterials wurde dem Archiv des United States Holocaust Memorial Museum in Washington, D.C. (einige Videos und Transkripte online unter: http://resources.ushmm.org/film) und Yad Vashem, Israel (www.yadvashem.org) überschrieben.
Sofern keine deutsche Quelle angegeben, Übersetzung der Redaktion. // im Zitat bedeutet: Montage von Zitaten aus unterschiedlichen Quellen.
»Bisher haben alle Filmarbeiten über den Holocaust versucht, diesen aus der Geschichte und der Chronologie herzuleiten: man beginnt 1933 mit der Machtergreifung der Nazis, – zuweilen sogar noch früher mit Ausführungen über den deutschen Antisemitismus im 19. Jahrhundert … – und man versucht, Jahr für Jahr, Schritt für Schritt, geradezu harmonisch möchte man sagen, zur Vernichtung vorzudringen. Als wäre die Vernichtung von sechs Millionen Männern, Frauen und Kindern, als wäre ein solcher Massenmord einfach ableitbar. … Die chronologische Erzählung ist, weil sie nichts ist als eine simple Abfolge des Vorher und Nachher, zutiefst untragisch, und der Tod kommt, wenn er eintrifft, immer zur rechten Stunde, nicht-gewaltsam, nicht-skandalös. Die sechs Millionen ermordeten Juden sind aber nicht gestorben, weil ihre Stunde gekommen war, und daher muss jedes Werk, das dem Holocaust heute gerecht werden will, zuallererst mit der Ordnung der Chronologie brechen. … Der Film, den ich gemacht habe, ist eine Anti-Legende, ein Gegen-Mythos, das heißt eine Untersuchung über die Gegenwart des Holocaust.«
Claude Lanzmann
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